Über das Ringen um Vertrauen
- Talk Session (Ω)
- Parallelsession
- Datum
- Zeit
- –
- Ort
- Pool
Die Sirenen und das Paradoxon der Anziehungskraft in der Wissenschaftskommunikation
Sara Rubinelli | Universität Luzern
In Zeiten der Informationsflut wird die Vertrauenskrise in der Wissenschaft meist auf Fehlinformationen, Polarisierung oder nachlassende wissenschaftliche Kompetenz zurückgeführt. Dieser Vortrag liefert eine andere Einschätzung. In der Odyssee überzeugten die Sirenen nicht mit Argumenten, sondern mit unwiderstehlichen Gesängen. Ebenso konkurriert die Wissenschaft heute in einem Umfeld, in dem Anziehungskraft oft wichtiger ist als Wahrheit. Die Humanwissenschaften zeigen, dass Menschen von Natur aus zu Gewissheit, Einfachheit, Emotionen und fesselnden Erzählungen hingezogen werden, noch bevor sie Beweise bewerten. Die Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation besteht also nicht nur darin, Vertrauen zu gewinnen, sondern auch epistemisch streng zu bleiben und gleichzeitig psychologisch und kommunikativ „attraktiv“ zu sein.
Das «Wahre» im Zeitalter der KI und der Postfaktizität bewahren
Richard-Emmanuel Eastes
In einer Zeit, in der die Menschheit vor grossen Herausforderungen steht und gleichzeitig eine besorgniserregende Aushöhlung der Demokratie zu beobachten ist, ist die Fähigkeit, sich darauf zu einigen, was als wahr angesehen wird, eine entscheidende Voraussetzung für wirksames kollektives Handeln. Doch trotz jahrhundertelanger Konsolidierung wissenschaftlicher Prozesse wird das «Wahre» heute geschwächt durch Postfaktizität, Verschwörungslogik, agnotologische Bestrebungen und Algorithmen zur Aufmerksamkeitsgewinnung geschwächt. Die KI beschleunigt diese Destabilisierung und verstärkt unsere globale epistemische Verwundbarkeit.
Diese existenzielle Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation macht es notwendig, nicht nur die wissenschaftlichen Inhalte, sondern auch die Bedingungen der Wissensproduktion und -validierung zu vermitteln. Über den beschwörenden und oft wirkungslosen Appell an den „kritischen Geist“ hinaus erfordert dies ein ernsthaftes Engagement der Wissenschaftsphilosophie und der Wissenschafts- und Technikforschung (STS), aber auch einer kritischen Kultur der KI – unverzichtbare Voraussetzungen für das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen.
Das CERN und die Klimaforscher:innen: Wissenschaft gegen Wissenschaft
Jean-Bernard Billeter | Noe21
Für das CERN bedeutet der Verzicht auf den „Future Circular Collider“ (FCC) einen Schlag gegen die Grundlagenforschung und eine Ablehnung der Wissenschaft. Allerdings wären der Bau und der Betrieb der beiden Teilchenbeschleuniger mit massiven Treibhausgasemissionen verbunden. Die Erkenntnisse der Klimaforscher sind eindeutig: Jede zusätzliche Tonne CO₂ in der Atmosphäre beschleunigt unseren Abstieg ins Unvorstellbare.
Die im Mai 2026 in der Region Genf gestartete „Konzertierung“ zum FCC sollte dazu beitragen, die zahlreichen Fragen anzugehen, die dieses Megaprojekt aufwirft. Abwesend in den zur Verfügung gestellten Unterlagen: das Klima.
Drei Wochen vor Ende der „Konzertierung“ werde ich eine Zwischenbilanz ziehen und analysieren, was in dieser Veranstaltungsreihe das Vertrauen der Öffentlichkeit in „die Wissenschaft“ gestärkt oder untergraben hat.