Interview mit Christian Kropf, Konservator am Naturhistorischen Museum Bern

Christian Kropf interessiert sich für Spinnen und Skorpione. Trotzdem füllt der Bereichsleiter für wirbellose Tiere des Naturhistorischen Museums Bern regelmässig den Vorlesungssaal. Sein Lockstoff: "Winterbergs Überstunde" - wissenschaftliche Abendvorträge gespickt mit einer gehörigen Portion Klamauk. Durch die Zusammenarbeit mit dem Komiker Uwe Schönbeck wird ein gemischtes Publikum neugierig auf die sonst eher verstaubten Sammlungen im Museumskeller.

christian kropfChristian Kropf

 

Florian Fisch: Herr Kropf, wie kann man sich für Spinnen interessieren?

Christian Kropf: Wie kann man sich nicht für Spinnen interessieren? (lacht) Mich interessiert alles, was lebt - auch Pflanzen. Dass ausgerechnet Spinnen zu meinem Thema geworden sind, ist Zufall. Es war das Thema meines damaligen Lieblingsdozenten.

Was brachte sie auf die Idee, mit einem Künstler zusammenzuarbeiten?

Es fing damit an, dass zu meinen Abendführungen viel zu viele Leute kamen. Man kann nicht 70 Leute durchs Museum führen. Auf der Suche nach etwas Anderem kam mir ein Flyer vom Darwin Centre am britischen Natural History Museum in die Finger. Die öffentlichen Vorträge, die dort jeder Wissenschaftler einmal pro Jahr halten muss, werden von einem Entertainer moderiert. Darauf habe ich den Uwe Schönbeck gefragt, den ich von früher kannte und der hat sofort angebissen. Der Schönbeck wollte aber nicht moderieren, sondern eine Rolle spielen. Es musste eine sein, die mit dem Museum assoziiert wird. So ist der Hausmeister Winterberg geboren. Meine Rolle als leicht arroganter, seriöser Wissenschaftler war gegeben. Beim ersten Vortrag vor acht Jahren haben wir dann öffentlich einen Regenwurm seziert. Das kam so gut an, dass wir die Veranstaltung dann ausgebaut haben. Inzwischen führen wir aber keine Sektionen mehr durch.

Weshalb führen Sie keine Sektionen mehr vor?

Das ist schlicht nicht massentauglich. Für den harten Kern des Museumspublikums war das gut. Inzwischen haben wir aber 1000 Leute pro Thema - aus allen Schichten der Bevölkerung. Dank dem Schönbeck stammen sie auch aus dem Kulturkuchen.

Wollten Sie nicht eine interessantere Rolle spielen, als den klassischen seriösen Wissenschaftler?

Ich bin ein schlechter Schauspieler, was ich dem Schönbeck übrigens immer wieder in Erinnerung rufen muss. Ich bin schon so nervös genug, dass ich aufpassen muss seine Auftritte nicht zu verpatzen. Deshalb haben wir meine Nervosität auch schon ins Programm eingebaut. Zudem soll die Wissenschaft, die ich vermittle, auf dem neuesten Stand sein. Deshalb muss ich meine Rolle behalten.

Weshalb haben Sie das Stilmittel Humor gewählt?

Es ging immer darum, Information mit Unterhaltung zu vermischen, damit mehr vom Inhalt hängen bleibt. Wir müssen aber aufpassen, dass wir die Balance zwischen Klamauk und seriösem Vortrag halten können.

Der Humor ist ziemlich einfach gestrickt. War dies eine bewusste Wahl?

Nein, das hat sich ergeben - durch die Rolle des Hausmeisters Winterberg.

Manipulieren Sie damit nicht die Leute?

Mit Humor kann man fast alles. Leute sagten mir zum Beispiel, sie würden sich seit meinem Vortrag viel mehr für Tausendfüssler interessieren. Die Menschen interessieren sich allgemein viel mehr für Naturwissenschaften als sie es selbst glauben. Man muss sie nur richtig auftischen.

Ihr letztes Thema war Evolution mit dem Titel "Nobody is perfect". Das hörte sich an wie eine Replik auf die Kreationisten mit ihrer Idee von perfekt angepassten Arten. War das Absicht?

Ja, es war mir persönlich gerade ein wichtiges Thema. Dass die Perfektion der Natur zwar atemberaubend ist, aber nicht vollkommen, das ist tatsächlich zu wenig bekannt. Religiöse Fundamentalisten tun so, als gäbe es einen ernsthaften Streit um die Evolutionstheorie. Das ist in Bern zwar kein grosses Thema, in England und Deutschland kommt es aber immer mehr. Ich fühle mich schon der Vermittlung von Naturwissenschaft verpflichtet. Durchaus auch mit Selbstkritik und Ausblicken auf andere Dinge, wie das Thema Schönheit. Wir wollen zeigen wie spannend die Welt der Wissenschaft ist und dass sie uns ständig Neues beschert.

Sind die Unterbrüche Ihres Vortrags durch den Hausmeister Winterberg spontan?

Eigentlich nicht, aber etwas Spontanes ist immer dabei. Zuerst einigen wir uns gemeinsam aufs Thema. Darauf erstelle ich einen Vortrag und schicke ihm das Manuskript. Erst dann sagt der Schönbeck, wo er sich einklinkt und wir passen noch das Eine oder Andere an. Oft hören wir, dass die Leute mehr Freude haben, wenn wir interagieren, aber das ist gar nicht so einfach. (Making of "Winterbergs Überstunde" auf Youtube)

Ist die Zusammenarbeit mit einem Künstler fruchtbar?

Sie ist extrem fruchtbar und bereitet uns beiden einen Riesenspass. Aus dem Hausmeister Winterberg ist eine eigene Persönlichkeit geworden. Einmal ist sogar seine Frau aufgetreten, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

Gibt es auch Konflikte?

Konflikte entstehen vor allem, weil ich kein Schauspieler bin. Wenn Sie den Schönbeck fragen, ist meine Rolle natürlich einfach. In den Inhalt hingegen mischt er sich kaum ein, ausser er hat ein Gedicht, das er unbedingt vortragen möchte.

Wie reagieren Ihre Fachkollegen?

Durchs Band positiv, wobei man natürlich eher positive als negative Rückmeldungen kriegt.

Sind Sie für die Kommunikationsarbeit angestellt?

Eigentlich nicht. Ich forsche am Museum und lehre an der Universität. Aber im Leitbild des Museums ist neben der wissenschaftlichen Forschung auch die Vermittlung der Wissenschaft enthalten. Wie die Öffentlichkeitsarbeit geschehen soll, ist jedoch nicht spezifiziert.

Wie viel Zeit braucht die Vorbereitung?

Die reine Vorbereitung des Vortrages dauert drei bis vier Tage. Dann kommt die Absprache und die Probe dauert dann nochmals ungefähr einen Tag.

Können Sie diese Zeit vor Ihrem Arbeitgeber rechtfertigen?

Der Arbeitgeber ist sogar extrem daran interessiert. Das Haus soll für die Berner Bevölkerung da sein.