Interview von Florian Fisch mit Elsbeth Stern, Professorin für Lehr-Lern-Forschung an der ETH Zürich.

Elsbeth Stern interessierte sich schon seit jeher dafür wie Menschen denken. Heute setzt sich die Professorin medienwirksam für auf gesicherten Erkenntnissen basierenden Unterricht ein. Am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München untersuchte Stern das Mathematikverständnis im Kindesalter und die (Un)wirksamkeit des Lateinunterrichts für das Verstehen anderer Fächer. Noch heute engagiert sich die Psychologin selbst in der Lehrerbildung für das Gymnasium.

 

Elsbeth Stern

Florian Fisch: Ist Wissenschaft für Kinder wirklich so schwer zu verstehen?
Elsbeth Stern: Es kommt darauf an, wie man sie vermittelt. Es ist vor allem dann schwierig, wenn man das Grosse Ganze aus den Augen verliert. Kinder und Jugendlichen haben oft bruchstückhaftes Wissen. Zum Beispiel können sie in Physik häufig nicht wirklich Kraft von Druck unterscheiden. Wenn es darum geht, das wiederzugeben, was der Lehrer gesagt hat, dann sind die Schüler gar nicht schlecht. Wenn es aber darum geht, Prinzipien verstanden zu haben, dann liegt ihr Wissen häufig haarscharf daneben.

Aber Prinzipien verstehen müssen wir doch auch im Alltag. Und Wissenschaftler gehen einfach einen Schritt weiter.
Wissenschaftliche Prinzipien sind halt viel abstrakter, allgemeiner und losgelöster von unserer Alltagserfahrung. Seit Newton kennen die Physiker Prinzipien, die völlig kontraintuitiv sind. Für die Physiker läuft ein rollender Ball aufgrund des Trägheitsprinzips weiter, während im Alltag Trägheit Stillstand bedeutet. Selbst Prinzipien der Evolution, die keiner Formalisierung bedürfen, werden selbst von studierten Leuten im Alltag unzulässig vereinfacht. Man sagt häufig, dass der Stärkste gewinnt, was ja überhaupt nicht stimmt.

Wäre es für Kinder nicht das wichtigste, zu verstehen, dass alle Modelle hinterfragt werden müssen?
Ja, aber das sollte ihnen natürlich nicht mit Wissenschaftstheorie beigebracht werden. Die Lernforschung zeigt, dass man mit einer verblüffenden Frage oder einem interessanten Phänomen beginnen sollte. Zum Beispiel warum schwimmt ein Schiff aus Stahl, während ein Stück Stahl versinkt. Die Schüler haben dann vielleicht schon eine Antwort, zum Beispiel dass ein Schiff im Gegensatz zum Stück Stahl einen Motor hat, aber sie müssen dann alternative Erklärungen suchen. Als nächstes müssen Evidenzen gesucht werden - durch Beobachtung oder ein Experiment. Diese Art des Denkens sollte im naturwissenschaftlichen Unterricht selbstverständlich sein. Natürlich nicht von Grund auf, denn das kostet zu viel Zeit.

Nach meiner Erfahrung wird das jedoch relativ selten gemacht. Meistens heisst es einfach: "so ist es!"
Es gibt Dinge, bei denen man durchaus sagen soll: "Das ist jetzt so." Tiefer als das Atommodell kann man in der Schule beispielsweise nicht gehen. Die Schüler müssen ein Gefühl kriegen, dass in der Wissenschaft nichts endgültig ist, aber auch nichts willkürlich ist.

Wie erforschten Sie das Lernen?
Es ist wichtig herauszufinden, welche Vorstellungen die Schüler mitbringen, wo Missverständnisse liegen. Dafür muss man mit den Schülern reden. Wir haben auch untersucht, wie stark der Lehrer strukturierend eingreifen sollte. Soll er falsche Vorstellungen ausräumen und richtige bestätigen? Eine andere Frage bezog sich auf den Frontalunterricht, der heute zu Unrecht verteufelt wird. Eine gute Lehrererklärung kann sehr sinnvoll sein, aber das Vorwissen der Schüler muss zuerst aktiviert werden. Es zeigte sich zum Beispiel, dass zuerst versuchen und dann erklären besser ist, als zuerst erklären und dann üben. Es gibt auch Prinzipien des Lernens, die so sattelfest sind, wie Newtons Bewegungslehre. Zum Beispiel, dass durch Bestrafung nur Verhalten abgebaut, aber kein neues aufgebaut werden kann. Strafen sind durchaus sinnvoll, zum Beispiel zum das Spielen mit dem Smartphone abzugewöhnen, aber nicht um Mathematik zu lernen. Und Hausaufgaben als Strafe pervertieren das Prinzip der Hausaufgaben.

Wenn ich Ihnen zuhöre, ist das alles offensichtlich. Trotzdem scheint es in der Praxis nicht zu funktionieren. Woher kommt der Widerspruch?
Ich mache selbst Lehrerbildung und sehe, dass doch viele Lehrer eine falsche Vorstellung vom Lernen haben. Aber wer lehren will, muss das Lernen verstehen. Viele denken, wenn die Klasse gut zuhört und sie sauber an die Tafel schreiben und es dann womöglich noch deutlich vorlesen, dann muss das in die Köpfe der Schüler gehen.

Das denken Lehrer wirklich?
Ja, doch. Ich muss zugeben, dass es mir bei meinen traditionellen Psychologie-Vorlesungen ähnlich geht. Bei Fragen von Studenten denke ich oft: "Das habe ich doch schon gesagt!" Dabei ist die Aufnahmekapazität auch bei intelligenten Menschen begrenzt.

Ist Lehren denn einfach zu anstrengend?
Ja, richtig zu unterrichten ist richtig anstrengend. Man sollte sich auch immer versichern, dass die Schüler noch mitkommen, ohne dabei die Noten im Kopf zu haben. Vielleicht mit anonymen Prüfungen. Da wird man häufig sein blaues Wunder erleben, und sich eingestehen müssen, dass man nochmal ran muss.

Können Ihre Empfehlungen auch auf Erwachsene angewendet werden?
Im Prinzip ja. Das Alter ist keine besonders starke Erklärungsvariable für das Lernen. Wenn Erwachsene Probleme beim Lernen haben, dann ist das häufig, weil sie umlernen müssen. Kinder lernen häufig nicht so gut, weil ihnen das Vorwissen fehlt. Das Vorwissen ist die vermittelnde Variable. Mal wirkt's negativ, mal wirkt's positiv.

Sie werfen manchen Neurowissenschaftlern vor, pseudowissenschaftliche Ratschläge zu erteilen. Ist das nicht eine Geringschätzung ihrer Erkenntnisse?
Wir Psychologen müssten natürlich unsere Theorien überdenken, sobald die Hirnforschung unseren Theorien widerspricht. Das war der Fall beim Musikerkrampf, wo Pianisten plötzlich den Ring- und den Zeigefinger nicht mehr so gut auseinanderhalten können. Das rührt von Grenzstreitigkeiten der entsprechenden Hirnregionen und nicht von einem inneren Widerstand oder so. Das Beispiel ist aber die Ausnahme. Um zu wissen, dass Strafen Flucht und Vermeidung auslöst, brauchten wir keine Hirnforschung. Es ist natürlich schön, dass dies von der Hirnforschung bestätigt wurde. Wir lassen in unserer Forschung durchaus manchmal parallel bildgebende Verfahren mitlaufen.

Was werfen Sie diesen Hirnforschern denn genau vor?
Ich werfe ihnen vor, dass sie verkürzte Botschaften vermitteln und damit Schaden anrichten. Zum Beispiel: "Beim Lernen muss man Spass haben." Das ist zwar nicht falsch, aber wenn Lehrer diesen Satz hören, dann denken manche, dass sie vorher einen Witz machen müssen. Dabei wissen wir aus der Lernforschung schon sehr detailliert, wie man guten Unterricht macht. Vertreter der so genannten Neurodidaktik ignorieren die Bedeutung des Inhaltswissens für das Lernen.

Elsbeth Stern ist Eröffnungsrednerin zum Thema "Kinder und Jugendliche" am ScienceComm'12. Do, 27. Sep 2012, Schloss Rapperswil