von Florian Fisch

Wissenschaft ist im Grunde Einfach. Die Welt beobachten, sich eine Frage stellen und diese überprüfen, kann jeder. Selbstverständlich hat nicht jeder genug Geld, sich dafür ein eigenes Hubble Teleskop zu bauen. Die einfachen, ungeprüften Fragen sind aber noch lange nicht ausgegangen. Das schwierige an der Wissenschaft ist die Bereitschaft zu erlangen, den eigenen Überzeugungen oder Erwartungen zu widersprechen.

 

Der aufkommenden Trend, Leute zu motivieren, Citizen Scientists (Wissenschaftsbürger) zu werden, ist ein Segen für die Wissenschaftsförderung. Am besten versteht man die Wissenschaft, wenn man sie selbst betreibt. Aber nicht alles, was sich Bürgerwissenschaft nennt, verdient diesen Namen auch. Ich habe mal ein paar Dinge gesammelt.

Am besten gleich selbst überprüfen. Foto: Science et Cité

Computerleistung spenden
Zu den Leerzeiten des Prozessors nimmt der Computer an der Suche nach Ausserirdischen (SETI@home), Zahlen mit speziellen Eigenschaften (Mersenne@home) oder an der Simulation von Malaria-Epidemien (malariacontrol.net) teil - Berechnungen, die sonst von teuren Supercomputer durchgeführt werden müssten. Verteiltes Rechnen (distributed computing) ist sicher gut für die Forschung und gibt den Benutzer ein Gefühl dabei zu sein. Das Interesse des Benutzers wird sicher gefördert, aber vom eigentlichen Vorgang, kriegt man kaum etwas mit.

Spielen und Klassifizieren
In allen Forschungsprojekten gibt es mühsame Fliessbandarbeiten. Clevere Wissenschaftler haben es verstanden, ganze Gemeinschaften um Websites zu versammeln, die Millionen Fotos von Galaxien klassifizieren (Galaxy Zoo), per Computerspiel Proteine falten (Foldit) und vieles mehr. Das Spasspotential beim Crowdsourcing ist sicher hoch. Schlussendlich ist es nichts anderes als mehr oder weniger spannend verpackte Freiwilligenarbeit. Das Interesse im Vergleich zum Verteilten Rechnen ist sicher grösser, aber die wissenschaftliche Denkweise bleibt verborgen.

Selbsttherapie
Durch Email und Social Media entstanden neue Internetgemeinschaften, um schwere unheilbare Krankheiten zu heilen. Durch leichte anfängliche Anleitung durch Experten entwickelten sich gut informierte Patienten, die häufig mehr über ihre eigene Krankheit wissen als ihr Arzt (PatientsLikeMe, ACOR). Selbst einfache klinische Studien wurden von den Patienten selber durchgeführt. Während die Patienten durch die Information sicher gestärkt werden und dadurch auch weniger für Quacksalberei sind, betreiben sie damit nicht unbedingt Wissenschaft. Der Wunsch geheilt zu werden, ist zudem kein guter wissenschaftlicher Berater.

Tüfteln, Basteln und Konstruieren
Für Kinder gibt es Tüftlerwerkstätte. Erwachsene können sich ein eigenes Elektronenmikroskop bauen oder eine neue Wasserstoffperoxid Heizung erfinden. Die menschliche Kreativität scheint grenzenlos. Der Lernfaktor durch das Bauen erhöht sicher das technische Verständnis. Die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse wird aber häufig mit der Wissenschaft selbst verwechselt. Die soziale Komponente und die Entdeckung grundlegender Gesetzmässigkeiten fehlt dabei aber.

Betreutes Forschen
"So you want to be a scientist" heisst der Wettbewerb der Sendung Material World von BBC Radio 4. Hörer mit einer Projektidee können diese einschicken. Die besten werden von einer Jury ausgesucht und ein geeigneter Mentor von einer Hochschule wird beigezogen. Von der Reichweite der Schnecken im Garten bis zur Häufigkeit von Leuchtenden Nachtwolken wurde geforscht. Ähnlich ist Schweizer Jugend Forscht. Die klare Königsdisziplin. Eine tolle Erfahrung sowohl für den Wissenschaftsbürger als auch für den Hochschulwissenschaftler.

Selbst Studieren
Schlussendlich steht es auch jedem Bürger frei, die Matura zu machen und studieren zu gehen. Der finanzielle und zeitliche Aufwand mag zu gross sein, aber zu spät ist es nie. Aus Fischern ohne Mittelschulabschluss können Professoren werden, die ein internationales Konsortium zur Erforschung von Agrotreibstoffen leiten. Die Uni Fribourg hat eine Eintrittsprüfung für über 30-jährige ohne Matura. Obwohl es sich eher um Weiterbildung als um Bürgerwissenschaft handelt, so zeigt es doch, dass Wissenschaft allen offen steht - wenn sie die Mühsal auf sich nehmen wollen.