Interview von Florian Fisch mit Stephan Sigrist, Leiter und Gründer des Thinktanks W.I.R.E.

Weil Stephan Sigrist nicht geduldig genug war und im Biochemielabor den grösseren Zusammenhang vermisste, wurde er nach seinem Studium Unternehmensberater. Später schrieb Sigrist eine interdisziplinäre Dissertation zum Wandel im Gesundheitswesen, die besagt, dass in der Prävention der Markt der Zukunft liegt. Heute ist er verantwortlich für den Thinktank W.I.R.E., wo er sich mit langfristigen Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Life Sciences auseinandersetzt. Der Thinktank wird vom Collegium Helveticum der ETH und Universität Zürich sowie der Bank Sarasin getragen.

 

Stephan Sigrist. Foto: zvg.

Florian Fisch: Mir scheint, Angst und Aberglaube haben sich ausgebreitet...
Stephan Sigrist: ...Wo? In der Öffentlichkeit?

Ja, genau. Kann man sagen, dass die Wissenschaft gescheitert ist?
[zögert] Beziehen Sie das auf Gesundheitsthemen oder auf die Erklärung komplexer Phänomene?

Auf Gesundheit, Wahrnehmung der Natur oder Visionen vom Weltuntergang.
Ich pflichte dieser Sichtweise bei - in Teilen. Es wird weniger an die Modelle der Wissenschaft geglaubt. Zum Beispiel sieht in den USA ein beängstigend grosser Teil der Bevölkerung in der Evolutionstheorie keine gültige Erklärung. Gegenüber der Schulmedizin hat eine weit verbreitete Kritik Einzug gehalten, was sich im Aufstieg der Komplementärmedizin äussert. Die Wissenschaft scheitert - teilweise - an ihrer Rolle der Welterklärung und Sinnstiftung. Trotz allem gibt es eine starke Technologiegläubigkeit in der Gesellschaft, auch wenn Technologie und Wissenschaft nicht zu verwechseln sind.

Ich spüre eher eine allgemeine Technologiefeindlichkeit.
Beim Klimawandel oder in Gesundheitsfragen wird nach wie vor nach technischen Lösungen gesucht, ohne kritisch zu hinterfragen, welchen Nutzen diese stiften. Im Gesundheitswesen liegt der Fokus der Investoren stark auf Pharma- und Medizinaltechnologie, obwohl es offensichtlich ist, dass der grosse Hebel nicht bei einer noch besseren Pille liegt, sondern dass es darum geht, wie man zur richtigen Therapie kommt.

Braucht es denn die Wissenschaft überhaupt noch?
Absolut! Sie ist wichtiger denn je. Betrachten wird Herausforderungen wie Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Verschiebung der Spektrums von Krankheiten, Suche nach Energiequellen, Neudefinition des Finanzsystems. Da braucht es Fachleute, welche die Faktenlage kennen und verstehen, wie diese Prozesse im Detail funktionieren. Die Herausforderung wird aber sein, dass man die Erkenntnis kommunizierbar macht. Es braucht zudem eine interdisziplinäre Zusammenarbeit wie zum Beispiel am Collegium Helveticum. Im Gesundheitswesen brauchen wir zum Beispiel nicht nur Pharmazeuten, sondern auch Mediziner, Medizinethiker, Pflegewissenschaftler und Sozialversicherungsexperten.

Weshalb scheitert die Wissenschaft bei der Sinnstiftung und Welterklärung?
Das hängt einerseits damit zusammen, dass sich die Wissenschaft mit komplexen Phänomenen beschäftigt und sich immer mehr spezialisiert - Thema Elfenbeinturm. Parallel dazu wurde die Kommunikation gegen aussen vernachlässigt. Gleichzeitig klagen zum Beispiel Ökonomen, dass Dissertationen, die gesamtheitliche Phänomene untersuchen, immer seltener akzeptiert werden. Es sind zunehmend einzelne hochspezifische Artikel gefragt, wodurch die Tendenz hin zu einer höheren Spezialisierung verstärkt wird. Die Wissenschaft hat aber auch die Aufgabe, grössere Weltzusammenhänge zu beschreiben.

Ist der Elfenbeinturm nicht ein veraltetes Klischee, das dem lernfaulen Durchschnittsbürger gerade recht kommt.
Das finde ich gar nicht. Zum Beispiel werden die Institute für geografischen Planung der Zürcher Hochschulen immer mehr auf den Hönggerberg verlegt. Natürlich ist der Platz in der Stadt beschränkt, aber der Austausch mit den Leuten auf der Strasse wird damit ganz direkt unterbunden. Das betrifft aber nicht nur die Wissenschaft, sondern auch ganz viele andere Teile der Gesellschaft. Es wäre wünschenswert, wenn nicht nur die Bänker unter sich, die Kreativen unter sich und die Wissenschaftler unter sich wären. Es ist ebenfalls kein Klischee, dass die Wissenschaftler möglichst viele Fachartikel publizieren müssen und dass dadurch die Schnittstellen mit anderen Bereichen vernachlässigt werden.

Wie kann man die Wissenschaft retten?
Das fängt bei der Ausbildung von Wissenschaftlern an. Sie müssen einerseits hoch qualifiziert sein, andererseits aber auch einfach erklären können, worum es bei einem Thema geht - und zwar gegenüber den Laien. Seitens der Universitäten, Wirtschaft und Gesellschaft braucht es konkrete Anreize, damit die Kommunikation mit Laien attraktiver wird. Da reichen vage Klauseln nicht. Es braucht konkrete Verträge, die eine Auseinandersetzung der Wissenschaftler mit der Öffentlichkeit einschliessen. Auch die Schnittstellen mit der Industrie müssen ausgebaut werden und das wissenschaftliche Fachwissen muss in die Auseinandersetzung mit den langfristigen, komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen eingebracht werden. Wenn sie das Wissen nicht kommuniziert und transferiert, braucht es die Wissenschaft nicht.

Sie sagen, Ihr Thinktank W.I.R.E. kommuniziere auch von der Gesellschaft zu den Wissenschaftlern. Wie kommuniziert man beispielsweise den irrationalen Wunsch nach perfekter Gesundheit an Wissenschaftler, die ja auch nicht zaubern können?
Wissenschaftler sollten prinzipiell ein offenes Ohr für Debatten in der Gesellschaft haben. Wir starten Initiativen, um Wissenschaftler mit Menschen aus der Praxis zusammensetzen.

Mit welchen Leuten aus der Praxis?
Im Rahmen unseres "HEALTHLAB" Projekts, das Wissenschaftler, Mediziner, Vertreter aus Pharma, Medtech, Versicherungen und Informationstechnik an einen Tisch brachte, haben wir uns während drei Jahren hinter verschlossenen Türen mit übergeordneten Herausforderungen auseinandergesetzt. Da haben wir auch sehr konkrete Konzepte für die Zukunft des Gesundheitssystems entwickelt. Normalerweise sind Veranstaltung zum Thema branchenspezifisch. Mit dem Projekt versuchen wird die künstliche Grenze zwischen Grundlagenforschung und Praxis aufzulösen und den Dialog zwischen den verschiedenen Anbietern im Gesundheitssystem zu fördern.

Stephan Sigrist ist Eröffnungsredner zum Thema "Gesundheit und Medizin" am ScienceComm'12. Do, 27. Sep 2012, Schloss Rapperswil.