Interview von Florian Fisch mit Philipp Egger, Geschäftsführer der Gebert Rüf Stiftung, in Zürich und Basel

Sein Kind ist die freitägliche Doppelseite Wissen im 20 Minuten. Mit der Gebert Rüf Stiftung fördert Egger laut Stiftungszweck "Projekte aus den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Ziel den "Wirtschaftsstandort und Lebensraum Schweiz zu stärken." Egger studierte Geschichte und wurde Lehrer am Gymnasium, um seine Dissertation zu finanzieren. Heute engagiert er sich zu dreissig Prozent im Verband SwissFoundations und in Swissnex Committees für den Stiftungs- und Wissenschaftsstandort Schweiz.

 

Philipp Egger

Florian Fisch: Die meisten Leute interessieren sich nicht wirklich für Wissenschaft. Warum soll man sie trotzdem im 20 Minuten kommunizieren?
Philipp Egger: Sie haben natürlich Recht. Die meisten Schweizer interessieren sich nicht für Wissenschaft, ausser sie sind selbst im Bereich Bildung, Forschung und Innovation (BFI) tätig. Das Rückgrat unseres Wohlstandes ist aber genau dieser Bereich. In der Bevölkerung fehlt dieses Bewusstsein weitgehend. Wir haben explodierende Kosten im Sozial- und Gesundheitsbereich. Da muss sich der BFI Bereich mit Zähnen und Klauen für sein Stück des Kuchens der sinkenden Steuereinnahmen einsetzen, so dass im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel Ressourcen in diesen Bereich fliessen. Es ist deshalb die Aufgabe jedes einzelnen Wissenschaftlers, die Sinnhaftigkeit seines Tuns nach aussen zu kommunizieren. Die Bauern etwa haben ihre Kommunikation perfektioniert und prägen die Identität der Schweiz. Wir sollten an einem zukunftsgerichteten Bild arbeiten, das die Schweiz als eine Wissensnation darstellt. Ein Pendlerblatt mit 1,4 Millionen Auflage ist dafür ein geeigneter Kommunikationskanal.

Mit 20 Minuten Wissen wollen Sie also die Leute sensibilisieren?
Ja. Angesichts der beschränkten Mittel unserer Stiftung wollten wir eine Kommunikationslücke finden. Uns ging es aber nicht darum, 20 Minuten finanziell zu unterstützen, wie die meisten Chefredaktoren der grossen Zeitungen meinten, die mich einzeln herbeizitierten. Da liegt ein grosses Missverständnis vor. Uns geht es vielmehr darum, eine möglichst grosse und junge Leserschicht zu erreichen, die nie im Leben den Wissenschaftsteil der NZZ lesen würde. Es ist ein Deal mit 20 Minuten: Wir kriegen eine Doppelseite, lassen uns nicht reinreden und finanzieren im Gegenzug eine Redaktion, auf die wir keinerlei Einfluss nehmen. Wir wollen BFI als good Message unter die Leute zu bringen - auf eine subversive Art: mit nackter Haut, etwas skandalisiert - echtes Scientainment.

Ist das nicht zu unseriös?
Wir unterliegen selbstverständlich den Gesetzmässigkeiten des primitivsten Boulevards. Die Leute sollen nicht gähnen und umblättern, sondern sagen "Geil, was die an der ETH Lausanne machen!" Das ist in weitesten Sinne PR für Wissenschaft.

PR für Innovation, also für die Wirtschaft.
Es geht nicht nur um Wirtschaft, sondern um soziale Innovation insgesamt. Da liegt ein Problem der Sozial- und Geisteswissenschaften: Sie haben sich zum grössten Teil vom Innovationsdiskurs verabschiedet, weil sie Innovation mit Wirtschaft gleichsetzen. Das ist nicht unser Problem.

Was ist denn soziale Innovation?
Zum Beispiel die Antwort auf die Frage, wie wir mit dem Migrationsphänomen umgehen können, damit wir nicht entweder in Ablehnung oder in grenzenloser Integrationsbemühung erstarren. Nicht die Problembenennung soll im Vordergrund stehen, sondern eine Nutzung der Chancen. Die Abwesenheit der Geisteswissenschaften in diesem politisch aktuellen Diskurs ist bestürzend. Führend sind sie dagegen in politischer Korrektheit. Ihr Beitrag zu relevanten, aktuellen Themen ist aber dringend gefordert.

Die Agentur scitec-media, welche die Doppelseite im 20 Minuten schreibt, hat auch Aufträge von Interpharma und IBM. Müssten Sie nicht die komplette Agentur zahlen, damit sie wirklich unabhängig ist?
Wir haben darüber selbstverständlich mit dem Beat Glogger [Leiter von scitec-media] gesprochen. Die Art von absoluter Unabhängigkeit, die Sie ansprechen, ist in der vernetzten Schweiz nicht möglich. Wir müssen mit diesen stets vorhandenen Konflikten umgehen, in dem wir sie thematisieren und uns überlegen, wo etwas schief gehen könnte. Ich glaube nicht, dass Interpharma die Agenda von scitec-media mitbestimmen kann.

Wie lange finanzieren Sie 20 Minuten noch?
Wir haben noch keine Ausstiegsstrategie. Das schönste wäre natürlich, wenn 20 Minuten in ein paar Jahren sagen würde: 'wir können nicht mehr ohne diese zwei Seiten sein'. Es ist aber möglich, dass wir unser Engagement nochmals verlängern oder dass wir es auf die Westschweiz ausdehnen. Bisher war man dort von der Idee nicht so begeistert, vielleicht weil sie nicht von dort stammt.

Wie sehen Sie dir Rolle von Stiftungen in der Wissenschaftskommunikation?
In unseren Förderprojekten nimmt die Kommunikation immer eine wichtige Position ein. Aus jeder Forschungsgruppe schicken wir mindestens eine Person in ein Medientraining und jedes Projekt muss einmal eine Gymnasialklasse zu sich einladen einladen - nicht im Sinne eines Tages der offenen Türe, wo alles geschniegelt ist. Ich halte zum Beispiel nichts von grossen Happenings, wie von Science et Cité damals [2001] im Zürcher Hauptbahnhof. Dort waren vor allem Wissenschaftler und deren Angehörige anwesend. Jeder Forscher muss heute wissen, dass die Wissenschaftskommunikation eine Daueraufgabe ist. Sonst wird sie an Fachleute delegiert und die Botschaft verliert ihre Authentizität.

Ist die Finanzierung der Wissenschaft überhaupt die Aufgabe von Stiftungen?
Es geht nicht um die Aufgabe an sich, es geht darum, dass wir in der Schweiz mehr Geld als bisher für den BFI-Bereich brauchen. Die staatliche Grundfinanzierung reicht für die Pflicht, eine gute Uni zu sein. Aber für die Kür, nämlich eine internationale Spitzenhochschule zu bleiben, reicht sie nicht mehr.

Wie können mehr Stiftungen zur Finanzierung der Wissenschaft bewogen werden?
Die Schweiz verfügt über ein nur ein schlecht ausgebautes System von Universitätsstiftungen. Abgesehen von der ETH-Foundation dümpeln die meisten Hochschzulstiftungen vor sich hin und der Fachhochschulbereich hat sich überhaupt noch nicht aufgestellt. Deshalb haben wir das Thema Hochschulstiftungen im vergangenen Jahr mit einer Ausgabe der Zeitschrift Schweizer Monat lanciert.

Haben Sie eine gute Idee zur Förderung der Wissenschaftskommunikation?
Natürlich! Wissenschaftskommunikation im Format Sitcom beim Schweizer Fernsehen wäre der Hammer. Eine im Milieu BFI angesiedelte Serie mit Liebe, Untreue, Erfolgen, und Verbrechen und Krankheiten, die in einem jungen Segment der Schweizer Bevölkerung spielt - inklusive Migration, Sexualität, Gender und was weiss ich noch alles. Die Hauptbotschaft aber wäre: In unserem Land sind junge Leute sozial mobil, sie entwickeln sich, weil sie sich ausbilden. Wenn sie mal durchfallen, treten sie nochmals an. Ja, eine Science-Sitcom anstelle von all diesem... langweiligen Brunz. Bei ORF gibt es zum Beispiel eine tolle Sendung namens ScienceBusters - launisch, schräg, unterhaltsam. Bei uns ist die Wissenschaft immer so... ach... schwer!