Alternative Fakten und Kürzungen bei der Forschung in den USA treiben WissenschaftlerInnen und Sympathisanten weltweit auf die Strassen. Der #MarchForScience ist eine globale Solidaritätsbewegung und wichtig, da moderne Wissenschaft nur global funktioniert. Das sehen alle ein – ausser in der Deutschschweiz. Ein Kommentar von Philipp Burkard:

In gegen 500 Städten wollen am Samstag weltweit Forschende auf die Strasse gehen, um auf die Bedeutung von Wissenschaft hinzuweisen und ihrer Sorge über die aktuellen Entwicklungen in den USA Ausdruck zu geben. In Deutschland sind in vierzehn, in Frankreich in dreizehn Hochschulstädten Demonstrationen geplant. In der Schweiz hat eine 31-jährige US-amerikanische Chemikerin und Krebsforscherin von der ETH Lausanne die Initiative ergriffen und organisiert mit Gleichgesinnten einen March for Science in Genf.

In der Deutschschweiz gab es leichte Regungen für Aktionen in Bern und Basel, zustande gekommen ist nichts. Aus der grössten Schweizer Hochschulmetropole Zürich mit ihrer ETH, Universität und Fachhochschule hat man nichts gehört.

Erfreulicherweise ist der Stellenwert der Forschung in der Schweiz nicht grundsätzlich in Gefahr. Auch wenn zurzeit verstärkt um die Finanzen gekämpft werden muss - die öffentlichen Mittel für Forschung und Innovation sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Auch die Schweizer Bevölkerung sieht den Wert der Forschung für ihr Land, wie der erstmals durchgeführte ‚Wissenschaftsbarometer Schweiz’ 2016 eindrücklich gezeigt hat.

Selbstverständlich kann man immer über den Sinn und Zweck von Demos diskutieren: Bringen sie etwas? Stärkt man mit dem Gang auf die Strasse nicht gerade die Gegner? Wissenschaftler/innen in den USA und in Deutschland haben sich diesbezüglich in den letzten Wochen auch über den March for Science unterschiedlich geäussert. Denn die Kommunikation der Wissenschaft mit der Bevölkerung darf sich nicht auf Demonstrationen beschränken, sondern es sollen auch andere Formen der Begegnung und des Austauschs stattfinden: Auftritte in den klassischen und neuen Medien, an Diskussionsveranstaltungen, Mitarbeit bei Ausstellungen und Festivals, Projekte mit Kindern und Jugendlichen und so weiter.

Aber: Wissenschaft ist eine globale Angelegenheit geworden, Forschung findet in weltweiten Netzwerken statt. Wenn also unter der Trump-Regierung wissenschaftliche Forschung in Frage gestellt wird, Kürzungen stattfinden und weiter drohen, dann muss das auch die Forschenden in der Schweiz beunruhigen, und es ist Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in den USA angesagt. Zudem: Wissenschaft ist definitiv nicht parteipolitisch gebunden, also unverdächtig. Und mindestens die verantwortlichen Gremien der Schweizer Hochschulpolitik haben eigentlich im Rückblick gemerkt, dass sie im Vorfeld der Abstimmung 2014 die Auswirkungen der Masseinwanderungsinitiative auf den Forschungsplatz Schweiz deutlicher hätten darstellen müssen.

Wo sind die Betroffenheit und die Initiative der Forschenden in der Deutschschweiz geblieben? Der Weckruf ist in der Community anscheinend nicht angekommen. Auch dieses Mal haben wir es nicht geschafft, die Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Deutschschweiz bleibt am Samstag ein weisser Fleck auf dem Globus. Schade. Ich reise nach Genf.

Philipp Burkard, 48, ist Leiter der national tätigen Stiftung Science et Cité – Wissenschaft und Gesellschaft im Dialog mit Sitz in Bern. Science et Cité ist als Kompetenzzentrum Dialog den Akademien der Wissenschaften Schweiz angegliedert.