Interview mit Walther Ch. Zimmerli, Stiftungsprofessor für "Geist und Technologie" an der Humboldt-Universität zu Berlin

Walther Ch. Zimmerli, der Philosophie, Germanistik und Anglistik studierte, findet, als Philosoph komme man nicht an der Technik vorbei. Er habilitierte an der Universität Zürich, lehrte er an verschiedenen Universitäten weltweit, war im Vorstandsmitglied der Autouni des Volkswagen Konzerns und Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Zimmerli ist associate Fellow des Collegiums Helveticum und unter anderem Mitglied der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften.

walther ch zimmerli
Walther Zimmerli veröffentlichte schon 1974 das Buch "Wissenschaftskrise und Wissenschaftskritik"
Foto: zVg Walther Ch. Zimmerli

 

Florian Fisch: Herr Zimmerli, am ScienceComm'15 war von einer Wissenschaftskrise die Rede: Resultate lassen sich nicht reproduzieren, die Relevanz vieler Studien ist zweifelhaft und die Menschen vertrauen der Wissenschaft nicht. Sehen Sie diese Krise auch?

Walther Ch. Zimmerli: Die Krise ist ein Dauerzustand in der Wissenschaft - per Definition; das Wort bedeutet ursprünglich ein Zustand, in dem sich etwas entscheidet. Eine Wissenschaft ohne Krise ist dogmatisch. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, sehe ich folglich heute kein besonders Problem. Im Gegenteil: Die fundamentale Wissenschaftskritik von vor der Jahrtausendwende ist in vielen Fällen einer unkritischen Akzeptanz gewichen. Die heutige Kritik richtet sich vor allem gegen mangelnde technische Sicherheit. Dabei wird mangelndes Vertrauen in eine sinnvolle Umsetzung von Technologien oft mit mangelndem Vertrauen in wissenschaftliche Ergebnisse verwechselt.

Der Ökonom Mathias Binswanger spricht von einer Förderung von Nonsens, also irrelevanten Resultaten.

So gestellt geht die Relevanzfrage am Wesen der Wissenschaft komplett vorbei. Was sinnvolle Forschung ist, kann nicht im vornherein bestimmt werden. Ich bin mit Herrn Binswanger aber einverstanden, dass die Koppelung von Forschungsresultaten mit akademischer Karriere viel Unsinn produziert. So generell und zugespitzt wie dies Herr Binswanger öffentlichkeitswirksam verbreitet, stimmt dies allerdings nicht. Schliesslich betreiben wir heute viel mehr Forschung als vor fünfzig Jahren, wodurch es absolut gesehen automatisch auch mehr schlechte Forschung geben muss.

Und was ist mit den vielen nicht reproduzierbaren Resultaten? Macht Ihnen das keine Sorgen?

Wir haben heute sicher eine besseres Sensorium, weshalb wir auch mehr Probleme erkennen. Ob die Reproduzierbarkeit wirklich schlechter ist als früher, müsste man genauer anschauen. Zudem ist Reproduzierbarkeit nicht unbedingt immer gut, wie das Collegium Helveticum im reproducibility handbook schreibt. Geschichte und Kosmologie etwa bauen auf Einzelbeobachtungen auf. In der Medizin gibt es zwar Regeln, aber sonst sind alle Patienten Einzelfälle. Auf die technische Reproduzierbarkeit ist vor allem die Industrie angewiesen - zum Beispiel die Pharmaindustrie, die auf alle passende Blockbuster verkaufen möchte.

Sie wollen eine Medizin, die sich auf nicht reproduzierbaren Resultaten abstützt?

Nein, natürlich nicht. Die "evidence-based medicine" ist zurzeit angesagt und ihr Prinzip ist sicher richtig. Allerdings spielt neben der physiologischen Wirkung auch die Kooperation der Patienten eine wichtige Rolle. Da wird die Barfussmedizin auf einmal erheblich wirksamer.

Erwarten wir von der Wissenschaft schlicht zu viel?

Ja sicher. Das ist der Weihnachtseffekt: Die Erwartungen sind gross, und wenn sie enttäuscht werden, gibt es Krach. Wobei dies natürlich stark von der Disziplin abhängt: Geschichtswissenschaft ist davon weniger betroffen als die Energieforschung.

Die Krise in der Wissenschaft mag normal sein, in der Kommunikation der Wissenschaft ist die Stimmung jedoch schlecht. Die Zahl der Journalisten nimmt ab, die der PR-Leute an den Universitäten steigt. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Da Wissenschaftler und Universitäten zunehmend auf Drittmittel angewiesen sind, wird die Kommunikation immer wichtiger. Das gehört heute zum Geschäft. Die Frage ist nur: ob es besser oder schlechter ist. Ich sehe die Gefahr nicht so sehr in der kleinen Zahl an Journalisten, sondern in der schieren Menge der Information. Man produziert nur noch Rauschen, und Inhalt kommt keiner mehr an. Wir werden gesättigt und stumpfen ab.

Sollten wir also dem Rat des Direktors der Volkshochschule Pius Knüsel folgen und die Kommunikation abschaffen oder zumindest zurückfahren?

Da bin ich anderer Meinung. Man muss einen Weg innerhalb des aktuellen Systems finden. Ich glaube, die Wissensseiten zum Beispiel der NZZ haben trotz der kleineren Publikumsreichweite einen qualitativ stärkeren Effekt als die die von 20-Minuten.

Sollte die Stiftung Mercator Schweiz also eher in die NZZ investieren als in 20-Minuten?

Ich glaube, NZZ-Seiten kann man nicht kaufen. Die Stiftung Mercator Schweiz verfolgt ein durchaus sinnvolles Ziel. Nur liegt noch keine Analyse des Effekts vor. Mit der weiteren Produktion von Rauschen könnte der Effekt ins Gegenteil umschlagen.

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Kommunikationskrise und der Dauerkrise in der Wissenschaft?

Nein, das hat wenig miteinander zu tun. Die Bevölkerung muss prinzipiell kritisch gegenüber der Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen sein.

Sollten wir etwas tun oder können wir locker zuschauen?

Es ist wie in der Fabel mit dem Hirtenjungen und dem Wolf. Wir müssen mit der Krisenrhetorik vorsichtig umgehen. Die zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaft sollten wir aber sehr genau betrachten. Welche Rolle spielen die etablierten Wissenschaftszeitschriften? Weil sie so zentral sind, wurde die Open Source - zum Beispiel Arxiv - Bewegung populär. Stark ist sie aber noch nicht. Auf keinen Fall sollten wir in Panik verfallen und zum Beispiel bei der Reproduzierbarkeit generalisieren. Der Feind der Wissenschaftspolitik ist die Generalisierung.