Interview mit Ulrike Felt, Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung an der Universität Wien und Hauptrednerin zum Thema "Crisis of Science" am ScienceComm'15.

Ulrike Felt, promovierte theoretische Physikerin, ging 1983 zur Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN), nicht um Teilchen zu studieren, sondern um dessen Geschichte zu erforschen. Heute wacht sie als Dekanin der Fakultät der Sozialwissenschaften über 12'000 Studenten und sitzt im Auswahlkomitee für Starting Grants des Europäischen Forschungsrates (ERC).

Ulrike Felt kennt Forschungsanträge von beiden Seiten. (Foto: Ulrike Felt)

 

Florian Fisch: Frau Felt, befindet sich die Wissenschaft wirklich in einer Krise oder ist diese nur gefühlt?

Ulrike Felt: Ich glaube jedenfalls nicht, dass es eine Krise im klassischen Sinne ist. Dann müssten wir es nur richtig machen, um wieder zum optimalen Zustand vor der Krise zurückkehren. Mir scheint eher, dass sich in den letzten 30 bis 40 Jahren einige Dinge im System Wissenschaft veränderten, wodurch eine stetige Unruhe entstanden ist.

Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Sämtliche Forschung muss heute in die Form eines Projekts passen, Zitierungen werden gezählt, Karrieren sind kaum mehr durchgängig und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden regelmässig evaluiert. Diese Entwicklungen sind nicht für sich alleine problematisch, sondern erst, wenn sie im System zusammenwirken. Die eher kurzfristige Logik der Projekte und die der langfristiger angelegten Karrieren zum Beispiel passen vielfach nicht zusammen. Für diese Herausforderungen gibt es keine einfache Reparatur.

Ich dachte bei der Krise eher an die fehlende Reproduzierbarkeit, irrelevante Resultate oder schwindendes Vertrauen.

Die Frage ist, weshalb sind wir bereit, auch nicht ausreichend geprüfte Daten zu publizieren? Sollten sie sich bestätigen, merkt niemand, dass sie zum Zeitpunkt der Publikation eigentlich unfertig waren. Diese Logik treibt das System voran. Ich will das nicht entschuldigen, aber es ist eine Erklärung. Als Gegenmassnahme führen wir Kontrollen ein, ändern aber nicht grundsätzlich das System.

Wie kann man das Wissenschaftssystem reformieren?

Die verschiedenen Akteure sollten sich stärker aufeinander beziehen. Heute überlegt sich die Universität, wie die Karrieren organisiert werden, Thompson Reuters, wie gute Indikatoren auszusehen haben, der Forschungsförderer, wie er sein Geld ausgibt. Dabei überlegen wir uns nicht, wie diese Dinge zusammenpassen. Die Antwort ist dann meistens: Ja, Peer-review funktioniert nicht so toll, aber wir haben halt nichts anderes. Das ist richtig, aber wir überlegen uns auch nichts anderes.

Das stelle ich mir praktisch sehr schwierig vor. Wie müssten die Akteure konkret vorgehen?

Gerade Forschungsförderer sollten sich auch historisch anschauen, wie sich die Kultur der Förderanträge geändert haben. Aus eigener Erfahrung, früher als Antragstellerin und heute im Selection Panel des ERC, erkenne ich nicht nur eine Professionalisierung, sondern auch eine gewisse Schablonenhaftigkeit. Die ausgewählten Kandidaten sprechen gleich, sie argumentieren gleich und der Aufbau ihrer Folien ist gleich. Wir lernen die sogenannte Perfektion zu imitieren. Die Person hinter dem Antrag erkenne ich gar nicht mehr. Die Unversitäten organisieren Kurse, wo man sich in solchen Fördersituationen verkaufen lernt. Das ist ein wenig gruselig und stimmt mich nachdenklich.

Haben die weniger professionellen Kandidaten überhaupt eine Chance?

Nein.

Müssten nicht gerade Sie im ERC-Auswahlkomitee daran etwas ändern?

Es ist schwierig. (Denkt nach). Zumindest mache ich es immer wieder zum Thema. Wir müssen in extrem kurzer Zeit wichtige Förderentscheidungen fällen. Dadurch neigen wir irgendwann alle zu einer gewissen Pragmatik. Ich tue, was ich nie tun wollte. Bei drei gleichwertigen Kandidaten schaue ich dann halt auch wie prominent ihre Publikationen sind. Zumindest verhalte ich mich dadurch formal fair. Die Zeit zum ausführlichen Diskutieren ist in solchen Bewilligungsmaschinen kaum gegeben. In starken Jahren werde ich derzeit für an die 20 Artikel, 2 bis 3 Bücher und fast 100 Forschungsprojekte als Gutachterin angefragt. Ich lehne natürlich einen Teil davon ab. So wird es insgesamt zunehmend schwieriger, Gutachter zu finden. Das System trocknet sich selbst aus.

Sind kleine Projekte wie PubPeer, FigShare und Citizen Science sinnvoll oder lenken diese eher von den grossen Systemfehlern ab?

Wenn ich mir Wissenssysteme anschaue, ist es wichtig, auch mit alternativen Formen des Austausches zu experimentieren und auch gesellschaftliche Akteure mit ihren Informationen und ihrem Wissen einzubeziehen. Daher finde ich Projekte, die aus den klassischen Formen der Wissensgenerierung austreten sehr interessant. Das Problem des gesamten Systems Wissenschaft lösen solche Versuche allerdings auch nicht.