"Die Leute sind mehr an Naturwissenschaft interessiert, als sie selbst glauben", sagte der Spinnenforscher Christian Kropf an dieser Stelle vor zwei Jahren. Er hatte Recht, wie sich an der ScienceComm'16 zeigte. Das Wissenschaftsbarometer Schweiz, das Mike Schäfer (Uni Zürich) und Julia Metag (Uni Freiburg) erstmals präsentierten, zeigte: Die Schweizerinnen und Schweizer interessieren für Wissenschaft - etwas weniger als für Politik, jedoch mehr als für Sport und Wirtschaft.

"Das kann ich nicht glauben", erwiderte darauf Giovanni Pellegri aus dem Publikum und wies auf den "Desirabilty Bias" hin. Auf eine Telefonumfrage von einer Universität ist es schwierig, sich als uninteressiert zu outen. Solide ist immerhin die Erkenntnis, wonach die Akzeptanz der Wissenschaft in der Schweiz höher ist als in anderen Ländern mit vergleichbaren Umfragen. Wie sich die Einstellung entwickelt, werden wir in drei Jahren vom nächsten Wissenschaftsbarometer Schweiz erfahren.

wissenschaftsbarometer2016

Wie die Bevölkerung Wissenschaft sieht.

 

Interessant und doch wenig erstaunlich ist, dass die meisten Befragten mit Wissenschaft vor allem Medizin meinten. Geisteswissenschaften werden offenbar kaum mit dem Wort Wissenschaft assoziiert, beklagte später zum Beispiel auch Alexander Hasgall (Uni Genf) und suchte nach alternativen Wegen die Leistungen der Geisteswissenschaften sichtbar zu machen.

Podium der Konkordanz

Mehr Unterstützung würden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seitens der Schweizer Stimmbevölkerung wünschen, wenn es um die Teilnahme bei Horizon2020 und Erasmus+ geht. In der Podiumsdiskussion zeigte sich SVP-Nationalrat Felix Müri verständnisvoll und beschwichtigte: "Sie müssen keine Angst haben." In der Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sässen die richtigen Leute seiner Partei denen die Teilnahme an der Schweiz an der Forschungszusammenarbeit mit der EU ebenfalls wichtig sei.

podium sciencecomm16

Für einmal wollte SVP-Nationalrat Felix Müri (ganz links) nicht widersprechen.

 

Dass es den Hochschulen jedoch um mehr geht, zeigte der Workshop zur politischen Kommunikation an Hochschulen von Maria Christoffel von Swissuniversitities und Xavier Pilloud vom Netzwerk Future. In früheren Workshops wurde eine klare Positionierung der Hochschulen für die Bilateralen Verträge beschlossen, da nur der freie Personenverkehr auch die Rekrutierung des besten internationalen Personals ermögliche.

Endlich digital denken

Das Stimmvolk muss also erreicht werden. Mit der Digitalisierung der Kommunikation könnte dies besser gelingen. Zum Beispiel indem das Potential von online-Artikeln voll ausgeschöpft wird. Ein neues Werkzeug, vorgestellt durch Claudia Hoffmann von Scitec-Media, soll den Leserinnen und Lesern ermöglichen so viel oder so wenig zu lesen, wie sie sollen. Blogs als Werkzeug der direkten Kommunikation zwischen Forschenden und Bevölkerung sind ebenfalls hilfreich. Ein Beispiel zum Thema Politikwissenschaften präsentierte Sarah Bütikofer (Uni Zürich) mit DeFacto. Den ganz unmittelbaren Austausch via Kommentarfunktion gibt es dort allerdings nicht.

Noch mehr Menschen erreichen gute Youtube-Känäle, wie Alan Vonlanthen von Big Bang Science eindrücklich am Beispiel von Dirtybiology zeigte - ein erfolgreicher Blog, dessen Followers nach der Eröffnung des gleichnamigen noch erfolgreicheren Youtube-Kanals eine Grössenordnung weniger zahlreich waren. Am besten würden sich die Forschenden jedoch auf das Kuratieren von Wikipedia-Beiträgen spezialisieren - nach Wissenschaftsbarometer die wichtigste online-Informationsquelle der Schweizer. Laut Chantal Ebongué vom musée cantonal de zoologie Lausanne müssen dafür allerdings einige kulturelle Barrieren überwunden werden.

 

Landhaus Solo cut

Mehr am ScienceComm'17, das vom 21. bis 22. September 2017 wieder in Solothurn stattfinden wird.