Interview mit Nora Heinicke, Forscherin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich.

 

Nora Heinicke

Nora Heinicke

 

Die Sprache ist ihr täglich Brot. Nora Heinicke studierte Germanistik, schrieb und sprach Texte als Journalistin, spielte Theater und führte Regie, beriet Firmen in Unternehmenskommunikation und unterrichtete Deutsch für Fremdsprachige. In ihrer Masterarbeit untersuchte die Sprachwissenschaftlerin, wie man Gerüchte an der Form erkennt. Heinicke folgte ihrer Liebe nach Zürich, wo sie heute in ihrer Dissertation die Sprache der Wissenschaftsblogs analysiert. Sie ist zudem wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Forschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Mitglied des Programmkomitees von ScienceComm'13.

Florian Fisch: Nora Heinicke, was macht ein Blog zum Blog?
Nora Heinicke: Das Hauptmerkmal ist sicher, dass die Einträge abwärts chronologisch eingeordnet sind und regelmässig neue publiziert werden. Meistens sind sie in der Ich-Perspektive geschrieben. Die Texte sind auch sehr mündlichkeits-orientiert. Es gibt einen Kommentarbereich, wodurch ein Austausch über die Einträge möglich ist. Meistens sind die Einträge mit Links versehen. Aber eigentlich kann man in einem Blog machen, was man will. Ganz anders als zum Beispiel bei Fachartikeln, wo ganz klar vorgegeben ist, wie man zu schreiben hat.

Erkennt man einen Blog-Eintrag auch wenn man den ausgedruckten Text vor sich hat?
Die Antwort auf diese Frage wird ein Fazit meiner Dissertation sein. Wenn man die Texte ohne Kommentare ansieht, bin ich mir bei den Wissenschaftsbloggern zum Beispiel nicht so sicher. Es gibt solche, die stellen ihre ganze Vorlesung in ein Blog. Wenn die Texte aber explizit für Blogs geschrieben wurden, denke ich schon, dass man sie erkennt.

Was wird es der Menschheit bringen, wenn Sie herausfinden, wie die Autoren der Wissenschaftsblogs kommunizieren?
(lacht) Mit dieser Frage, habe ich natürlich gerechnet. Mir geht es nicht darum, eine Gebrauchsanweisung für Wissenschaftler zu entwickeln, sondern mehr darum, zu sehen, was mit den Texten passiert. Es ist eine beschreibende Arbeit. Es kann gut sein, dass dies nachher anwendbar ist, aber das ist nicht das Ziel meiner Dissertation.

Was kann "mit Texten passieren"?
Bislang wurde Wissenschaft von Wissenschaftlern vor allem in Fachzeitschriften und an Konferenzen kommuniziert. Daneben gab es noch die Journalisten, die in den klassischen Medien darüber berichteten. Jetzt gibt es Wissenschaftler, die über ihre und die Arbeit anderer aus einem sehr persönlichen Blickwinkel schreiben. Mich interessiert zum Beispiel, welche Funktionen diese Texte erfüllen. Sicher soll damit informiert, aber auch unterhalten werden. Andere Teile dienen dem Identitätsmanagement und der Kontaktaufnahme mit den Lesern...

...dann ist es eine Art Facebook?
Teilweise sicher, ja. Wer ein Blog über seine Dissertation schreibt, möchte sich vielleicht eher mit anderen Doktoranden vernetzen. Der bekannte Blogger Florian Freistetter von Scienceblogs schreibt seine Beiträge sicher auch schlicht, weil er populärwissenschaftlich schreiben will. Andere schreiben weil es ein Übungsinstrument ist - zum Beispiel, um einen Fachartikel oder eine andere Arbeit zu schreiben. Wenn andere Wissenschaftler bewertet werden, hat ein Blog auch eine Steuerungsfunktion, wie eine Art Open-Peer-Review.

Sind Wissenschaftsblogs gut, um den Laien einen direkten Einblick in den Wissenschaftsalltag zu gewähren?
Ja, teilweise sicher, wenn die Blogger über ihren Arbeitsalltag schreiben. Aber die Bandbreite ist extrem gross. Gewisse Leute stellen einfach einen Link rein, andere schreiben einen ganzen Review. Deshalb ist das Medium ja auch spannend. Es steht keine Redaktion dahinter.

Genau. Ohne Redaktion tragen Blogs doch zur Informationsüberflutung bei. Die Qualität bleibt auf der Strecke.
Ich glaube nicht, dass die klassischen Wissenschaftsredaktionen davon bedroht sind. Es geht bei Blog-Beiträgen auch nicht darum, einen klassischen Artikel in der NZZ zu ersetzen. Es ist eher eine Ergänzung des Informationsangebotes mit einer ganz anderen Funktion.

Unterhalten Sie selbst ein Blog?
Nein. Ich habe es mir aber schon überlegt. Ich schreibe beispielsweise Artikel über Forschungsprojekte und Rezensionen fürs "ph akzente", die Hauszeitschrift der PH Zürich. Bislang hat es mich aber einfach nicht gereizt, über meine eigene Doktorarbeit zu schreiben, weil ich zurzeit vor allem über die Methodenwahl nachdenke. Vielleicht möchte ich mich mehr vernetzen, sobald meine Arbeit inhaltlicher wird.

Würden Sie es Wissenschaftlern empfehlen, ein Blog zu betreiben?
Für Wissenschaftler mit Passion und Ausdauer ist es sicher interessant. Wichtig finde ich, dass sich bloggende Wissenschaftler beim Schreiben genau überlegen, was sie wo und warum für wen publizieren.